Musik der Sinti und Roma

Sinti und Roma

Seit über 600 Jahren in Europa ansässig, bilden die über acht Millionen „Zigeuner“ bzw. Roma eine der größten Minderheiten Europas. Sie gingen „den Weg ohne Grenzen“ und haben „viele Leute getroffen, arme und reiche“ aber „haben kein Land“, zu dem sie gehören; so heißt es in ihrem Lied „Gelem, gelem...“, das zu einer Art internationalen Hymne der Sinti und Roma in aller Welt geworden ist.

Vertrieben durch Kriege und Feldzüge, lassen sich auf dem historischen Weg aus dem indischen Sindhgebiet am Indusdelta bis in den weiten Westen, drei Hauptwege ausmachen. Bei den ersten Mongoleneinfällen (13. Jh.) zogen sie aus den persischen Gebieten weiter westwärts:

  • in Richtung Armenien, dem Kaukasus entlang nach Russland,
  • über Anatolien weiter nach Griechenland, auf den Balkan und nach Westeuropa,
  • über Syrien und Palästina nach Ägypten, der nordafrikanischen Küste entlang, vermutlich bis nach Spanien.

Der Sammelbegriff „Roma“ ersetzt die ältere, unpräzise und diskriminierende Bezeichnung „Zigeuner“. Roma bezeichnet, allgemein ausgedrückt, die drei großen ethischen Gruppen:

  • die osteuropäischen Roma im Allgemeinen
  • die seit dem 15. Jahrhundert in Mitteleuropa und insbesondere in Deutschland eingewanderten Sinti bzw. französischen Manouches
  • und die südwesteuropäischen Gitanos oder Calé.

Die Einzahl von Roma ist „Rom“ und bedeutet wörtlich „Mensch“. Die in Deutschland alteingesessenen Roma bezeichnen sich jedoch auch „Sinti“ (von Sinto: sg.). Der Name der Sinti leitet sich vermutlich von dem Namen des Sindhgebiets am Indus her. Vergleichende Sprachstudien und historische Berichte geben Zeugnis ab, dass die Urheimat der Roma das ferne Indien ist und dass die Gruppen während Jahrhunderter langen Wanderungen und Vertreibungen westwärts zogen und sich über ganz Europa verbreitet haben.

Zur Geschichte der Musik der Roma

Auf ihren langen historischen Wanderungen haben die verfolgten und vertriebenen Sinti und Roma auch ihre eigenen musikalischen Grenzen überschritten und die Volksweisen, Lieder, Texte, Tänze und Musikinstrumente ihrer Gastländer übernommen und jeweils mit ihrer unerschöpflichen Musikalität bereichert. Man nimmt an, dass ihre ursprüngliche Meisterschaft vorwiegend durch die hohe improvisatorische Technik des solistischen und gruppenbezogenen Singens gekennzeichnet war.

Dem Musizieren liegen zwei kontrastierende Vortragsstile zugrunde, die sich beide gegenseitig ergänzen: Es sind die langsame Spielweise und die schnelle Tanzweise.

Die beiden Konzepte ergänzen sich gegenseitig: Einerseits jene schwermütige Weise, die als langsames Klagelied im freien Rhythmus und auf expressive Art, Schmerz und Trauer zum Ausdruck bringt und andererseits jenes strophisch-straffe Tanzlied, das mit präzisen, feurigen Rhythmen von Freude und tänzerischer Lust kündet. Die jeweilige Meisterschaft liegt in der Verbindung der beiden Grundideen und in der kreativen Aneignung mündlich überlieferter Volksweisen. Virtuos wird alles in eine improvisatorisch anmutende Praxis integriert.

Die langsame Weise „zum Zuhören“

Die „lange Melodie“ (uzun hava) der türkischen Roma mit dem „langen Atem“ wird nicht zum Tanzen, sondern „zum Zuhören“ gesungen (langsame Spielweise). Ihr entspricht der taksim als Instrumental-Improvisation mit einem weiten orientalischen Bogen. Er wird auf der Oboe zu einem leisen Trommelwirbel ausgeführt.

Oboe und Trommel (Davul-zurna) ist das typisch dörfliche Musizieren türkischer Roma. Es sind in der Regel Berufsmusiker. Wie in ganz Asien, auf dem Balkan und in Nord- und Westafrika sind es inzwischen längst sesshaft gewordene Musiker, die bei Hochzeiten, Familienfesten, Tanzanlässen und Wettkämpfen ihre musikalische Untermalung gegen Bezahlung ausrichten. Die Oboe wird heute mehr und mehr durch die moderne Klarinette oder durchs Saxophon ersetzt.

Bei den ungarischen Roma entspricht der langsamen Weise der lassú bzw. die rubatohaften Lieder (loki gila) eines langsamen Gesanges. Es sind lyrische Gesänge, Lieder „zum Zuhören“ (hallgató), seltener auch balladenhafte Weisen. Ihre „schluchzenden“ Instrumentalweisen spannen den weiten Bogen des Primas-Geigers zu den bordunierenden Címbalom-Klängen und dem Kontrabass.

Ein ähnlich schwermütiger oder sehnsüchtig-trauriger Gestus findet sich wiederum in der rumänischen hora-lunga bzw. doina, oder auch in den Sevdalinka-Liedern der bosnisch-muselmanischen Romagruppen.

Auch die langsamen Gesänge im Wechsel von Chor und Solo und begleitet von Gitarre oder Akkordeon der in den Pariser Vorstädten lebenden und meist aus Russland stammenden Gruppen haben viele Gemeinsamkeiten mit den langsamen Liedern der ungarischen Walachen.

In Spanien kündet der cante jondo, der fast immer auch ein cante gitano ist, als „ernster oder tiefer Gesang“ von Leid, Schmerz und Trauer. Seine reich nuancierte Melodik ist durch arabisch-orientalische Einflüsse geprägt. Lang ausgehaltene ay-ay-Silben ornamentieren den dramatisch-improvisatorischen Vortrag auf überwiegend traurig gestimmte Liedtexte.

Hackbrett

Hackbrett

Weltmusikinstrumente, Klassifikation - Hackbrett

Die schnelle Weise „zum Tanzen“

Nebst diesen getragenen und rubato-bezogenen Melodien bilden inhaltlich die straffen Tanzlieder und Tanzmelodien eine zweite wichtige Charakteristik der Musik der Roma (schnelle Tanzweise). Es handelt sich dabei in erster Linie um geradtaktige und strophisch durchgeformte Gesangs- oder Instrumentalweisen. Nach den ältesten Belegen sollen sich die Roma-Musiker mit ihrem Gesang zu gezupften Lauten, zu Geigeninstrumenten oder Hackbrett (Santur, Kanun, Címbalom) begleitet haben.

Im südlichen Rumänien galten die Roma auch als hervorragende Epensänger, die sich auf der Spießgeige (Rabab) begleitet haben. In der transkarpatischen Region setzte sich ein Ensemble oft aus einer Laute (Cobza), einer Violine und der Panflöte (Nai) als Melodie-Instrument zusammen.

Traditionellerweise begleiteten die ungarischen Roma sich beim Tanz nur mit Vokalmusik, allenfalls imitierten sie solistisch ein Musikinstrument mit dem Mund, so zum Beispiel mit der sogenannten textlosen Wirbeltechnik (Pergetés), wie sie bei den Walachen in Westeuropa bekannt geworden ist. Die übrigen Sänger begleiten das Tanzlied mit dem trompetenhaften „Mundbass“, klatschen und schnalzen mit den Fingern zu den synkopierten Tönen der Melodie.

Bei den zahlreichen religiösen und privaten Festen, bei denen zum Tanz aufspielt wird, übernehmen die getanzten Lieder eine zentrale Rolle. So werden die kirik hava („gebrochene Melodie“) und der çifte telli-Tanz der Türken bei Hochzeits- und Beschneidungsfesten, die ungarischen Tanzlieder und Tafelgesänge (khelimaske und mesaljake gila) bei alljährlichen religiösen und weltlichen Festanlässen gespielt; die instrumental ausgeführten verbunkos (Anwerbungslieder) seit dem Ende des 18. Jahrhunderts sowie die populären Csárdás-Melodien des kaiserlich-königlichen Österreichs erweitern wesentlich den Bereich der Unterhaltungsmusik.

In Spanien sind es der cante festero (heiterer Gesang) und der tango gitano, die mit mitreißenden Rhythmen und witzig-spontanen Strophen die Tänzerinnen und Tänzer begeistern. Cante (Gesang), baile (Tanz) und toque (Gitarrenbegleitung) bilden die innere Einheit des cante flamenco (Flamenco), mit stampfenden Kreuzrhythmen (taconeo), Klatschen (palmas) und Fingerschnalzen.

Langsame und schnelle Weise kommen zusammen: „Mer war ketni ...“

Die aus dem urbanen Bereich hervorgegangene „Zigeunerkapelle“ entwickelte sich im 18. Jahrhundert. Ursprünglich bestand sie aus drei bis acht Musikern. Ihre Grundlage bildete das Streichensemble in einfachster Form mit zwei Geigen und einem Kontrabass, in höchster Form als Streichquintett oder -sextett, ergänzt mit einem Hackbrett, und vom 19. Jahrhundert an erweitert durch die Klarinette, nicht selten auch durch Blechblasinstrumente.

Der berühmte ungarische Primas JÁNOS BIHARI (1764–1827) stand am Wiener Hof um 1814 schon in so hohem Ansehen, dass er sogar vor dem Wiener Kongress spielte.
Ein Jahr später wird bekannt, dass mehrere Roma-Ensembles mit westlich-komponierter Musik auch in Bukarest und in anderen rumänischen Städten aufspielten. Im Jahre 1830 soll gar ein hundert Musiker umfassendes großes Orchester Werke von europäischen Komponisten mit großem Erfolg aufgeführt haben.

Der style hongrois setzte sich als Mode in den europäischen Salons durch.
Der Name der Zigeunertonleiter (frz. mode hongrois; engl. gipsy scale) wird in der Klassischen Musik vor allem mit FRANZ LISZT (mit der Skala c-d-es—fis-g-as--h-c) in Verbindung gebracht.

Die „Dur-Zigeunertonleiter“:

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Die „Moll-Zigeunertonleiter“:

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LISZT war auch einer der ersten Komponisten, der sich inhaltlich mit der Geschichte und Musik der Zigeuner und den Zigeunertonarten auseinandersetzte. 1859 erschien unter seinem Namen das Buch „Die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn“, mit dessen Thesen sich BÉLA BÁRTOK in den 30er Jahren des 20. Jahrhundert noch einmal kritisch befasste.

Durch die wachsende Popularität größerer und kleinerer „Zigeunerkapellen“ fanden über die Fürstenhäuser schließlich auch Operettenmelodien Eingang ins Repertoire der städtischen Roma-Musiker (wie etwa Melodien aus dem „Zigeunerbaron“ von JOHANN STRAUß JR., 1885). Dies betraf vor allem komponierte Salonstücke, Rhapsodien und „Zigeunerfantasien“, später auch internationale Tänze, wie Polka, Mazurka, Ländler, Walzer, Foxtrott und Schlagermelodien.

Zu dem immer weiter greifenden Spektrum von Stilen, Melodien und Instrumentaltechniken kamen im 20. Jahrhundert neueste internationale Evergreens, Blues, Jazz (Swing, Be-Bop) und alle Arten von Pop-Bearbeitungen hinzu. Die moderne Tanzmusik leitete eine eigentliche Reform der Musik der Roma und Sinti ein, indem diese vermehrt zeitgenössische westeuropäische Musikelemente integrierten.

Dennoch, die traditionell-figurativen Elemente, die charakteristischen Kadenzen, Tonleitern und Harmonisierungen werden weiterhin beibehalten. Jedes Roma- oder Sinti-Ensemble kann eine „beliebige“ Melodie in ihre eigene „Zigeunermusik“ verwandeln. Die unterschiedlichsten neuen Stilelemente verbinden sich harmonisch mit dem bewährten ungarisch-balkanischen Substrat, mit russisch-rumänischer Eintönung oder auch mit dem spanisch-französischen Stilkolorit.

Überall spielen die Sinti und Roma die heimische Musik ihrer Umgebung, und in Ländern mit gemischten Musikstilen und Bevölkerungsgruppen spielen dieselben Ensembles entsprechend den Wünschen des Publikums deren unterschiedliche Musik.

Mit dem legendären tsiganisme und der swing-musette des „Hot Club de France“ der 1930er-Jahre in Paris wurde der manouche-Gitarrist DJANGO REINHARDT (1910–1953) stilbildend für den Aufbau der Sinti-Jazz-Formationen der Nachkriegszeit mit drei Gitarren, Violine und Kontrabass.

Das SCHNUCKENACK REINHARDT QUINTETT mit seinem „Zigeunerjazz“, „La Romanderie“ mit dem „Django-Sound des Akkordeons“, der „Hot Club The Zigan“, der „Hot Club de Sinti“, das HÄNS’CHE WEISS QUINTETT (mit Solo-Gitarre, Violine, zwei Rhythmus-Gitarren und Kontrabass), das ALFRED LORA SWINGTETT, die SWING GIPSY ROSE, BIRELI LAGRENE, STOCHELO ROSENBERG und viele andere mehr, setzten sich mit dem 1953 verstorbenen Vorbild DJANGO auseinander.

In der Bandbreite von traditionellen Liedern, die bis zurück ins 17. Jahrhundert reichen, von Liedern, die im KZ entstanden sind, über Folklore, Swing und Jazz, hatte sich anlässlich des dritten Roma-Weltkongresses um 1982 das rund 30-köpfige „Internationale Roma Ensemble“ gegründet. Roma aus verschiedenen Ländern haben sich zusammengetan, um im Sinne eines multikulturellen Miteinanders – der Zeit weit voraus – ein lebendiges Beispiel der interkulturellen Begegnung zu sein. Die Musiker halten in der Regel – wie anderswo – an der improvisatorischen und nicht-niedergeschriebenen Form der musikalischen Überlieferung fest, auch wenn sie inzwischen nicht selten im westlich-klassischen Sinne eine musikalische Ausbildung hinter sich haben und auf professionelle Weise überall in Konzerten, in Cafés, Restaurants, in Tanz- und Kurhäusern, bei Dorf- und Quartiersfesten, aber auch in Philharmonien, Theatern, im Hörfunk und Fernsehen auftreten.

Die langsame und die getanzte Weise im Kulturvergleich

langsame Weise
zum Zuhören
schnelle Weise
zum Tanzen
Herkunft /
Bezeichnungen
alaptalaindisch
uzun havakirik havatürkisch
taksim / uzun makamcifte telli / zeybek / aksaktürkisch
loke gilakhelimaske gilaromanés
hora lunga / cantec lung / doina / miriloihora / sirbarumänisch
lassú / hallgatófriss / friska / csárdásungarisch
cante grandecante chicospanisch
tempo rubatotempo giustoklassische Musik

Gelem, gelem, lungone dromeja ...“ – Ich bin einen weiten Weg gegangen

Die Musik der Sinti und Roma ist einen weiten Weg gegangen und hat – wie es in einem ungarischen Lied heißt – die Hauptstraße immer gemieden (Jaj ke sa têle ôav le dromesa).

In den Liedern und Weisen sind viele Erinnerungen auf interkulturelle Weise musikalisch zur Anschauung gebracht. Mit der Musik haben Roma und Sinti zwischen Nationen und sozialen Gruppen nachhaltend vermittelt. Im Gesang (giben), Tanz (khelepen) und Instrumentalspiel (bascheben) eignete man sich auf dem langen Weg durch zahlreiche Kulturen mannigfache Elemente und Spielweisen an, die dem inneren Sinn des bascheben, dem kreativen „Umsetzen der Welt in Tönen“, entgegenkamen.

Die Musik der Sinti und Roma ist längst ein Teil deutscher, rumänischer, russischer, spanischer, oder ungarischer Kultur: Die Sinti und Roma haben viel von der Musik ihrer Gastländer übernommen, ihnen aber auch viel gegeben, immer ein Stück dem Publikum und der Zeit voraus, musikalisch in ihrer Identität flexibler als all die konservativen Apologeten des „authentischen“ Stils. Eine musikalische Minderheit hat die Mehrheit in der Geschichte der Musik entscheidend mitgeprägt. Die moderne Musik der Roma hat die ungarische „Zigeunerweise“ mit der Salonmusik, Elemente des Jazz mit denen der modernen Klassik verbunden, die Musette mit dem Hot Club de France, den portugiesischen Fado mit Romanes-Texten, den cante jondo mit Bongos. Sie hat den kubanischen Rumba mit iberisch-katalanischen gitano-Weisen vereinigt, das russische Volkslied aus Odessa mit dem Sinti-Swing und die Primas-Geige mit der Free-Jazz-Improvisation.

Die professionelle Musik der Roma und Sinti ist in unserem Jahrhundert und in vielen Bereichen polyglott und polykulturell geworden, sie ist mehrsprachig und traditionell zugleich, sie liegt längst zwischen den Welten deutscher, spanischer, russischer, rumänischer oder ungarischer Kulturen, sie vermittelt zwischen lokalen, nationalen und überregionalen, zwischen ethnischen und sozialen Gruppen, zwischen der urbanen und städtischen Bevölkerung, zwischen Kunst- und Unterhaltungsmusik, Caféhaus und Philharmonie, zwischen Volksmusik, Salonstück, Evergreen, Schlager, Rock und Pop.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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