Weltmusik und Kulturen

Vergleichbare, auch ältere Bezeichnungen für „World Music“ sind etwa „Ethno-Pop“, „World Beat“, „Global Pop“ oder „Fusion Music“ mit je etwas anderer Akzentuierung der Sachverhalte. 1987 wurde die Kategorie „World Music“ durch eine gezielte Vermarktungsstrategie massenmedial eingeführt. Sie fasst inzwischen als Oberbegriff eine Vielfalt unterschiedlicher hybrider, lokal-globaler Ausdrucksformen zusammen, die mehrheitlich in der Synthese von „eigenen“ und „fremden“ Musiktraditionen (other people’s music) gesehen werden.

World Music zwischen den Kulturen

World Music ist inter- und transkulturell, „zwischen den Kulturen“ angesiedelt, wie und wo auch immer das „Eigene“ in Abgrenzung zu einer „fremden Musik“ (nicht von hier) mental konstruiert sein mag.

Ob es sich um den Zitherspieler ROBERT ZOLLITSCH handelt, der traditionellen bayerischen Jodel mit tibetanisch-mongolischen Obertongesang vermischt und zusammen mit der mongolischen Sängerin URNA CHAHAR-TUGCHI auftritt oder um den indonesischen Star RHOMA IRAMA, der im dangut-Stil westliche Rockgitarre mit Elementen der indischen Filmmusik und populärer Musik des Mittleren Ostens vermengt, in beiden Fällen ist das Lokale und das Eigene je durch ganz andere Perspektiven und Kontexte gegeben.

Populäre Musik wirkt über die globalen Mediennetzwerke auf lokale und traditionelle Musikstile ein, wie umgekehrt diese lokalen Musiken auch die populäre Musik weltweit revitalisieren. Ihre Vertreter nutzen unterschiedliche Konzepte von „World Music“, die vielfach Begriffe wie World Beat, Roots, Folk, Ethnic, Traditional, Local und Diaspora Music aller Arten einschließen. Die suggerierte Einfachheit des Begriffes „World Music“ lebt gerade von der individuellen Freiheit der Künstler, wie diese sich als Synkretisten, Traditionalisten oder Avantgardisten in der Weltmusik positionieren, sich einzelne Elemente des Mainstream-Pop zu eigen machen und sie mit lokalen, ethnischen Traditionen „vor Ort“ kreativ, kritisch und reflektiert derart verschmelzen, dass daraus neue ästhetische Ausdruckformen entstehen, welche ihrerseits wieder einem überregionalen oder weltweiten Markt zugeführt werden.

World Music als Vermarktungsstrategie

Der englische Begriff „world music“ wurde 1987 als Marketing Kategorie in einem Londoner Pub geprägt und lanciert von eine Gruppe von ungefähr 25 Vertretern unabhängiger Schallplattenlabels, Journalisten und DJs.

Weil man in den Plattengeschäften unsicher war, wie „Ethnic“, „Tribal“, „Folk“, „Traditional“, „Tropical“, „Ambient“, „Trance“ oder „New Age Music“, „Ethnopop, Afropop, Afrobeat“ beschrieben und in den Regalen eingeordnet werden konnte, hatte man sich entschlossen, den Begriff als kommerzielles Konstrukt in die britische Presse zu bringen, nachdem er zuvor bereits schon in Radioprogrammen benutzt worden war.

Rasch wurde die Kategorie auch in Frankreich übernommen, wo er den drei Jahre früher geprägten Begriff von „Sono mondiale“ verdrängte. Innerhalb weniger als drei Jahre setzte sich „World Music“ im Mainstream der Musikindustrie sowohl in Europa als auch in Amerika und bald der ganzen Welt durch. Als übergeordneter Schirm bezieht sich der Begriff in aller Unschärfe sowohl auf kulturelle Phänomene als auch auf die Produktions- und Vertriebskanäle der weltweit bezogenen Musikindustrie. Bereits um 1990 verkündete das Billboard Magazine eine „World Music Chart“ und schon ein Jahr später wartete die National Academy of Recording Arts and Sciences (NARAS) mit einer neuen Grammy Award-Kategorie für „world music“ auf.

Lokale Musik, nicht von hier

Der Begriff „world music“ war allerdings innerhalb der Ethnomusikologie schon in den frühen 1960er Jahren gängig, als ROBERT E. BROWN an der Wesleyan University von Connecticut das „World Music Program“ in Forschung und Lehre einführte, was im Gefolge zu ähnlichen Programmen an anderen Universitäten führte und 1970 zur Gründung des „Center for World Music“ in San Francisco.

1982 wurde ein World Music Magazine von dem Briten STEVE RONEY herausgegeben. Das „World Music Institute“ in New York etablierte sich 1985 und ein Jahr darauf begann daselbst eine Firma mit der Förderung von zeitgenössischer afrikanischer Musik unter dem Namen „World Music Productions“.

Im Unterschied zu den eher fachlich orientierten „world music programs“ war in der amerikanischen Öffentlichkeit des Schallplattenhandels zu der Zeit die Kategorie „World Beat“ noch gebräuchlich für alle ethnischen Pop-Mischungen, Fusion Dance Music und für alle synkretistischen und populären Formen aus der ganzen Welt, insbesondere aus urbanen Zentren. „World Music” ist, wie es in dem Magazin Folk Roots von 1997 auf einen Punkt gebracht wurde:

„Local music, not from here (wherever here is).“

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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