Weltmusik: Migration und Integration

Das Eigene und das Fremde

Lokale kulturelle Prozesse sind nur noch im Rückgriff auf globale Kulturlandschaften und globale Kulturindustrien zu verstehen. Migration und Tourismus haben diese Erfahrung des Raumes erheblich erweitert, die Welt ist kleiner, aber auch durchmischter geworden.

Kulturelle Bilder des Eigenen, Vertrauten, der alltägliche Lebensgewohnheiten und Vorstellungen sind diesem Modernisierungsdruck in der Auseinandersetzung mit dem „Anderen“, dem „Fremden“, dem „Exotischen“ und Ungewohnten ausgesetzt.

Für die einen bedeutet das Fremde ein Ärgernis, das abgelehnt wird, es wird als eine Verunsicherung der eigenen kulturell selbstbezogenen Identität verstanden, andere sind davon fasziniert und sehen darin die Möglichkeit einer neuen Selbstfindung und interkulturellen Erfahrungen.

Die einen sehen die als „authentisch“ oder „echt“ verstandenen lokalen Musiktraditionen gefährdet oder gar dem Untergang geweiht, die anderen erblicken in der Hybridisierung, d.h. der Verschmelzung von unterschiedlichen kulturellen Ausdruckformen eine neue Kreativität oder aber die Gefahr einer Homogenisierung amerikanisch-westlicher Prägung.

Diese Auseinandersetzungen zwischen dem, was als das Eigene verstanden wird, und dem, was das Andere ausmacht, schafft einerseits eine Rückbesinnung, eine Re-Lokalisierung dessen, was als wichtig betrachtet wird, andererseits erweitert es auch die Horizonte im Hinblick auf ein überregionales, transnationales und schließlich auch transkulturellen Bewusstseins angesichts der Unterschiede in den vielen „Musiken der Welt“.

Gründe für einen transkulturellen Bewusstseinswandel

Im 20. Jahrhundert beschleunigte sich der Informationsfluss bedingt durch die neuen Kommunikationswege. Die grenzüberschreitenden Entdeckungen der musikalischen Vielfalt waren u.a. durch folgende Faktoren gekennzeichnet:

  • die ethnologische Dokumentation traditioneller Musikkulturen seit der Gründung von Phonogrammarchiven um 1900 in allen Ländern und größeren Städten der Welt (Hörbeispiel 1: „Kham Hom / Sweet Words“ – siamesisches Hoforchester, aufgenommen um 1900 in Berlin);
     
  • die Gründung der UNESCO und des Internationalen Musikrats für Traditionelle Musik (1947) und der Society for Ethnomusicology (seit 1953);
     
  • die Herausgabe verschiedener Schallplattenserien mit traditionellen und populären Musiken der Kulturen der Welt (Unesco, Ocora, Lyrichord, Smithsonian Institution);
     
  • die Migration der „Gastarbeiter“ und ihrer Musik, allgemeine Mobilität und weltweiter Tourismus seit den 60er-Jahren;
     
  • die Folk Revival Bewegungen seit dem Newport Folk Festival 1959 und der Women’s Music Festivals seit 1980;
     
  • die anglo-amerikanische, irische, europäische und lateinamerikanische Folkbewegung (die ersteren seit den 1960er, die letztere seit ALLENDEs Sturz in Chile im Jahr 1973;
     
  • die Organisation von Folk-, Meta- und Weltmusikfestivals in allen großen Städten der Welt (u.a. WOMAD: das World of Music and Dance Festival seit 1982);
     
  • die Wahrnehmung „exotischer“ Musikinstrumente im Kontext von Jazz-Festivals (Jazz Meets the World, MPS-Schallplattenreihe ab 1968 und produziert von JOACHIM E. BERENDT);
     
  • World-Music-Projekte von bekannten Musikern wie YEHUDI MENUHIN, RAVI SHANKAR, PAUL SIMON, PETER GABRIEL, MICKEY HART, DAVID BYRNE, RY COODER, LED ZEPPELIN, SANTANA und anderen;
  • die Kritik an der „Mentalität des Kulturkolonialismus“ und der weltweiten Missionierung als geistiges Erbe des 19. Jahrhunderts (gegen Etablierung von Musikkonservatorien europäischen Zuschnitts in der sogenannten „Dritten Welt“ bei gleichzeitigem Verbot indigener Musiktraditionen);
     
  • die Diskussionen um den Multikulturalismus seit den 1980er-Jahren;
     
  • die Unesco-Mexico-Konferenz von 1982 mit dem Bekenntnis zur kulturellen Vielfalt und Diversität;
     
  • die Air-Port-Kultur mit dem Export typischer Musikinstrumente des jeweiligen Landes;
     
  • die neuen Medien: von der Musikkassette über LPs, CDs, DAT-Recordern und PCs, Rundfunk, Fernsehen, Internet. MP3 und Napster (multikulturelle Radioprogramme);
     
  • die weltweite Markt-Deregulation seit dem Fall der Berliner Mauer (1989)
     
  • neuere CD-Editionen mit „cross-cultural“ und „musical hybrids“ in „collaboration across races and places“ (es sind Projekte seit 1995, welche über die traditionell-ethnografischen und ebenso über die einseitig westlich orientierten Konzepte der World Fusion Music und des World Beat weit hinausgehen);
     
  • die Menschenrechtspostulate der UN und das Unesco-Projekt „Our Creative Diversity“, welche die global konzipierte regulative Idee des friedlichen Zusammenlebens auf der Basis unterschiedlicher kultureller Ausdrucksformen und der „Vielfalt der Musiken der Welt“ als gemeinsames Erbe der ganzen Menschheit, unbesehen von Ethnie, Rasse, Religion und Kultur vermittelten (Unesco Report 1995).

Demokratisierung, Gleichheitsprinzip und Individualisierung

Die beschleunigten Prozesse der Säkularisierung, Demokratisierung, das Gleichheitsprinzip und Individualisierung schlugen sich in allen gesellschaftlichen Bereichen nieder. Die zunehmend global sich auswirkenden Einflüsse der Informationsgesellschaft produzierten entsprechend neue Kenntnisse über fremde kulturelle Ausdrucksformen, Musiken und Musikinstrumente unterschiedlicher Länder, über Traditionen, Tänze, Stile und Stilmischungen. Die erstarrten Fronten zwischen der „eigenen“ Unterhaltungsmusik, der als das „Eigene“ verstandenen in Klassik, Jazz, Pop und Rock begannen sich im Kontext von World Beat, Global Pop, Ethno-Pop, World Music, Fusion oder Transculture zu verwischen.

Anachronistische Begrifflichkeiten, wie die in Deutschland weiterhin noch vorgenommene Unterteilung in E-Musik (für ernste Musik, d.h. Klassik) und U-Musik (für unterhaltende Musik) spiegeln hierbei weniger den Sachverhalt als vielmehr die Trägheit institutioneller Einteilungskriterien wider. Der Mentalitätswandel von den romantischen Ideen des Reinheitsgebots in Auffassungen vom „Ernsten“ und „Unterhaltenden“, vom „Authentischen“, „Echten“ und „Traditionellen“ wurde im Schaffen der Musiker selber zunehmend abgelöst durch multikulturelle und transkulturelle Experimentierlust, mit denen ethnozentrische und nationale Barrieren zum Teil bewusst durchbrochen werden.

Auffächerung des Kulturbegriffs

Insgesamt war ein Bewusstseinswandel festzustellen, der sich besonders in der Auffächerung des Kulturbegriffes abzeichnet. Es sind dies zusammenfassend

  1. der traditionelle,
  2. der erweiterte und
  3. der transkulturelle

Kulturbegriff:

Der romantische Begriff des ethnisch zentrierten Handelns auf der Grundlage des Lokalen als Heimat zentraler Werte kann als der romantische Kulturbegriff aus der Überlieferung des 19. Jahrhunderts bezeichnet werden („die Musik im Dorf unter der Linde“). Es ist die Konzeption des isoliert betrachteten traditional village. Die Konzeption ist und war im Wesentlichen durch ethnozentrische oder nationale Perspektiven in der (missverstandenen) Nachfolge HERDERs essentialistisch geprägt. Das „Authentische“ war gleichsam das sich gegen außen abgegrenzte Kollektiv-Anonyme einer mündlichen Überlieferung.

Der erweiterte Kulturbegriff des interethnischen Handelns verortet im Lokalen das interkulturelle Miteinander von Ansässigen und Immigranten, indem die zusammenprallenden Kulturkonzepte mentalitätsmäßig bewusst als Vielfalt gegenseitig toleriert werden und in ihrer Verschiedenheit von „face-to-face“ grundsätzlich akzeptiert und geachtet werden (Musiken im „global village“).

Das interethnische Handeln wird schließlich zusehends durch den transnationalen Bewusstseinshorizont des Mediasiert-Globalen mitbestimmt. Im lokalen Handeln kann bereits ein ent-territorialisierter und transkultureller Bewusstseinswandel konstatiert werden, der unterschiedlichste Anleihen in fernen kulturellen Ausdrucksformen machen kann, ohne vor Ort je mit den Erfahrungen direkt (face-to- face) konfrontiert zu sein. Mentalitätsmäßig ist für den Kosmopoliten die ganze Welt auf eklektische Weise eine Fundgrube geworden, aus der er seine Bausteine schöpft und auf individuelle Weise kreativ verarbeitet (Musik als „glokales“ Handeln in global cities). Das Authentische wird als individuelle und selbstreflexive Positionierung in der Vielfalt verschiedener Richtungen gesehen.

Kennzeichen der Globalisierung: die Vielfalt in der Einheit der Musiken der Welt

Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass die eine Kulturkonzeption die andere obsolet machte. Ganz im Gegenteil, ein Kennzeichen der Globalisierung besteht eben darin, dass die Vielfalt der Differenz auch hierin erhalten bleibt, unterschiedliche mentale Konstrukte ohne weiteres im Nebeneinander und auch in verschiedenen oder gleichen Musikgruppen existieren können und ebenso gleichzeitig oder nacheinander zum Ausdruck gebracht werden können.

audio

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

Lexikon Share
Beliebte Artikel
alle anzeigen

Einloggen