Andreas Gryphius

Nur wenige Jahre nach dem ersten deutschen Prosaroman, dem „Buch von der Deutschen Poeterey“ von MARTIN OPITZ, bewies GRYPHIUS mit seinen Werken, dass die deutsche Sprache durchaus Grundlage einer anspruchsvollen Poesie sein konnte. Neben Lyrik verfasste er Dramen, Trauer- und Lustspiele.

Lebensgeschichte

Die Lebensgeschichte von ANDREAS GRYPHIUS ist eingebettet in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Er wurde am 02.10.1616 in dem der böhmischen Krone unterstellten Erbfürstentum Glogau in Schlesien (heute Glogow, Polen) als Sohn eines streng protestantischen Geistlichen geboren. Seine gesamte Kindheit und Jugend wurden durch den Krieg geprägt. Sowohl sein Vater als auch seine Mutter starben, noch bevor er das Erwachsenenalter erreicht hatte.
Obwohl er aus ärmlichen Verhältnissen stammte, eignete GRYPHIUS sich eine umfassende Bildung an. Ab 1621 besuchte er das evangelische Gymnasium in Glogau, das allerdings im Zuge der Gegenreformation 1628 geschlossen wurde. Erst einige Jahre später konnte er wieder eine Schule besuchen. Ab 1632 ging er auf das Gymnasium in Fraustadt. Die dürftige Schulbildung holte er in seiner Zeit in Danzig auf, wo er von 1634–1636 das Akademische Gymnasium besuchte und seine schon erworbenen, weitreichenden Kenntnisse alter und neuer Sprachen vertiefte. Hier kam er auch zum ersten Mal in Berührung mit der neueren deutschen Dichtung.
Nachdem er seine Schulausbildung abgeschlossen hatte, stand GRYPHIUS von 1636 bis 1638 auf dem Gut des angesehenen Rechtsgelehrten GEORG SCHÖNBORNER in der Nähe von Fraustadt als Hauslehrer in Diensten. 1638 durfte er die zwei Söhne der Familie zum Studium an die calvinistische Universität Leyden begleiten (CALVIN = Genfer Reformator). Diese Universität war ein beliebter Studienort für protestantische Schlesier. GRYPHIUS beschäftigte sich hier vorrangig mit dem Studium der Sprachen sowie der Staats- und Naturwissenschaften.
An der Universität Leyden übernahm er später auch Lehraufgaben und machte sich mit den Theorien des Dramas vertraut. Dieses Wissen wurde Grundlage für seine späteren Stücke, wobei GRYPHIUS die Theorien nicht nur übernahm, sondern auch selbst weiterentwickelte. Seine Zeit in Leyden verschaffte ihm außerdem Verbindungen zu politisch einflussreichen europäischen Herrscherhäusern.
1644–1646 bereiste GRYPHIUS Frankreich und Italien. Er besuchte Den Haag, Paris, Marseille, Florenz, Rom, Venedig und Straßburg, wobei er weitere wissenschaftliche und literarische Kontakte knüpfte und das europäische Theater studierte, so u. a. PIERRE CORNEILLE in Paris und die Oper sowie die „Commedia dell'arte“ in Venedig.
GRYPHIUS heiratete 1649 die Kaufmannstochter ROSINE DEUTSCHLÄNDER. Aus der Ehe gingen 7 Kinder hervor, von denen 4 früh starben.
GRYPHIUS, der schon als 15-jähriger ein Epos über den Kindermord von Bethlehem drucken ließ, wurde bereits 1637, 21-jährig, von SCHÖNBORN zum Poeta laudeatus (lorbeergekrönter Dichter) gekrönt, von dem er im gleichen Jahr auch den Adelstitel und die Magisterwürde erhielt. Er soll insgesamt etwa 10 Sprachen beherrscht haben. 1652 wurde er in die „Fruchtbringende Gesellschaft“ aufgenommen, einen 1617 gegründeten Sprachorden, dessen Anliegen es war, der deutschen Sprache und Literatur zu gesellschaftlichem Ansehen zu verhelfen und dem bereits der Barockdichter MARTIN OPITZ angehörte. Die „Fruchtbringende Gesellschaft“ verlieh GRYPHIUS, der unter seinen Zeitgenossen hohes Ansehen genoss, 1662 den Titel „Der Unsterbliche“.
Ab 1650 ließ sich GRYPHIUS endgültig in Glogau nieder, er wurde Syndikus (Rechtsberater) der Landstände des Fürstentums Glogau. Er starb während einer Sitzung der Stände am 16.07.1664 am „plötzlichen Schlag-Flusse“.

Literarisches Schaffen

GRYPHIUS wurde nur 48 Jahre alt, konnte jedoch auf ein umfangreiches literarisches Schaffen zurückblicken. Er schrieb Lieder und Gedichte, übersetzte Dramen und verfasste selbst Lust- und Trauerspiele. Seine Werke wurden von den leidvollen Erfahrungen seiner Kindheit und Jugendzeit geprägt, von Kriegserlebnissen und den Auswirkungen konfessioneller Auseinandersetzungen. Seine Dichtungen sind durchdrungen von einem tiefen Pessimismus, sodass oft im Zusammenhang mit dem Dichter GRYPHIUS von einer „Poetik der Klage“ gesprochen wurde. Schon in den frühen Werken finden sich Memento-mori-Mahnungen (Memento mori = „Gedenken des Todes“) und als Hauptmotive Weltverachtung, Einsamkeit und Eitelkeit.

„Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret!
Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun
Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun/
Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret.
Die Türme stehn in Glutt / die Kirch ist umgekehret.
Das Rathauß ligt im Grauß / die Starcken sind zerhaun/
Die Jungfern sind geschänd't / und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer / Pest und Tod / der Hertz und Geist durchfähret.
Hir durch die Schantz und Stadt / rinnt allzeit frisches Blutt.
Dreymal sind schon sechs Jahr / als unser Ströme Flutt/
Von Leichen fast verstopfft / sich langsam fort gedrungen.
Doch schweig ich noch von dem / was ärger als der Tod /
Was grimmer denn die Pest / und Glutt und Hungersnoth /
Das auch der Seelen Schatz / so vilen abgezwungen.“

(aus dem Gedicht „Thränen des Vaterlandes Anno 1636“, siehe PDF "Andreas Gryphius - Gedichte", Audio 1)

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GRYPHIUS' zeittypische Vanitas-Vorstellungen (Vanitas = lat.: Eitelkeit) – die Vorstellung von der Nichtigkeit alles Irdischen, von der Vergänglichkeit irdischen Glücks („Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.“, Audio 2, Menschliches Elende, Audio 3 ) – waren ein Grund dafür, dass ein Großteil seiner Lyrik religiös geprägt war, so z. B. seine „Sonn- und Feiertags-Sonette“.

„Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn wird eine Wiese sein,
auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.
Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was itzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein.
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.“

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In den Dramen finden sich zwar Anspielungen auf zeitgenössische Geschehnisse, doch werden politische Zustände kaum kritisiert. GRYPHIUS' Anliegen ist weniger eine Änderung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse als vielmehr, auf die Vergänglichkeit menschlichen Tuns und Schaffens hinzuweisen. Das wird ebenso in seinen Komödien sichtbar.
GRYPHIUS' Verdienst ist es, durch eine Kombination aus antiken, niederländischen und französischen Dramenmodellen einen neuen Typ des Trauerspiels geschaffen zu haben. Vorbilder waren insbesondere SENECA, JOOST VAN DEN VONDEL und PIERRE CORNEILLE. Alle Stücke von GRYPHIUS behandeln historische Stoffe, alle sind in Alexandrinern (jambische Reimverse) abgefasst.
Im Gegensatz zu seinen Dramen hielt sich GRYPHIUS in seinen Oden und Sonetten an die zeitgenössischen Formenvorgaben.

Werke (Auswahl)

  • Lissaer Sonnete (1637, Gedichtsammlung)
  • Son- und Feyrtags-Sonnete (1639)
  • Sonnete (Erstes Buch, 1643)
  • Oden (Erstes Buch, 1643)
  • Epigrammata Oder Bey-Schriften (Erstes Buch, 1643)
  • Oden (Zweites Buch, 1650)
  • Teutsche Reim-Gedichte (1650)
  • Leo Armenius (1650, Trauerspiel)
  • Kirchhoffs Gedancken (1656, Gedichtsammlung)
  • Oden (Drittes Buch, 1657)
  • Deutscher Gedichte Erster Theil (1657)
  • Horribilicribrifax Teutsch (1657 o. 1663, satirisches Lustspiel)
  • Cardenio und Celinde (1657, Tragödie, erstmals mit bürgerlichen Protagonisten)
  • Catharina von Georgien (1657, Trauerspiel)
  • Carolus Stuardus (1657, Trauerspiel)
  • Absurda Comica, Oder Herr Peter Squentz (1657 o. 1658, Lustspiel, Variante der Pyramus-und-Thisbe-Episode aus dem „Sommernachtstraum“ von WILLIAM SHAKESPEARE, siehe PDF "Andreas Gryphius - Absurda Comica")
  • Papinianus (1659, Trauerspiel, siehe PDF "Andreas Gryphius - Papinian")
  • Verlibtes Gespenst & Die gelibte Dornrose (1660, Bauernstück in schlesischer Mundart, erstes bedeutendes Werk der Dialektdichtung)

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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