Irland, Wirtschaft

Irlands Weg aus dem wirtschaftlichen Schattendasein

Als vormals britische Kolonie war Irlands wirtschaftliche und politische Lage Jahrhunderte lang durch seine Beziehung zur britischen Nachbarinsel bestimmt. Um den wirtschaftlichen Boom Irlands am Ende des 20. und Beginn des 21. Jahrhunderts verstehen zu können, ist ein kurzer Blick in die Vergangenheit der Beziehungen zwischen England und Irland notwendig.
Die geografische Nähe und die politische Gebundenheit Irlands an England machten den irischen Markt Jahrhunderte lang nicht nur vom Bedarf, sondern auch vom politischen Wohlwollen des stärkeren Nachbarn abhängig. Als Kolonie des britischen Imperiums wurde Irlands Wirtschaft weitestgehend vom Handel mit England bestimmt. So darf es auch nicht verwunderlich sein, dass wirtschaftliche Sanktionen bis zur Gründung des Irischen Freistaats, Irish Free State, 1921 das von England am häufigsten verwendete politische Druckmittel gegen die kleine aufrührerische Kolonie vor der eigenen Haustür waren.
Von 1921 bis 1949, dem Jahr, in dem die Republik Irland (Éire) gegründet wurde, äußerte sich britischer Widerstand gegen die allmählich fortschreitende Unabhängigkeit Irlands durch Import/Export Beschränkungen und überhöhten Zöllen, die übrigens von Seiten der irischen Regierung mit gleichen Auflagen erwidert wurden (irisch-britischer Zoll- und Wirtschaftskrieg 1932-1938). Wenn wirtschaftliche Verhältnisse zweier Länder untereinander auch immer zu einem großen Teil Ausdruck ihrer politischen Beziehungen sind, so kann der irisch-britische Handelsvertrag 1936 als Wegweiser für Englands Wohlwollen gegenüber der Unabhängigkeit Südirlands gesehen werden.
Und heutzutage tragen die mittlerweile guten wirtschaftlichen Beziehungen sowohl zwischen Nord- und Südirland als auch Großbritannien einen wesentlichen Teil zur politischen Stabilisierung in der krisengeschüttelten Provinz bei.

Irland wird europäisch

Als frisch gegründete Republik hatte Irland erhebliche Mühe, sich aus dem Schatten des mächtigen Großbritanniens herauszulösen. Es mag zwar verwundern, dass sich Irlands wirtschaftliche Bestrebungen erst nach 1949 vermehrt zum Europäischen Kontinent ausrichteten. Aber das komplexe Geflecht aus historischen Ereignissen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, den nach dem Ende des zweiten Weltkrieges entstandenen internationalen Bündnissen, sowie das jahrhundertealte Dasein als britische Kolonie machten den Blick über Englands Schulter hinweg erst jetzt zur konkreten Chance für einen wirtschaftlichen Aufschwung.
Der Beitritt in die Europäische Staatengemeinschaft 1973 (damals EG, heute European Union) war für Irland der Beginn einer neuen politischen und wirtschaftlichen Ära. Irland tat dies nun als eigenständiger Staat, zum ersten Mal in seiner Geschichte bot sich dem Land die Möglichkeit, sich auf internationaler Bühne zu bewegen und gleichzeitig von den verfügbaren EU-Fördermitteln Gebrauch zu machen. Die finanzielle Unterstützung, die Irland nun aus Brüssel erhielt, trug somit wesentlich zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage im damals ärmsten Land Europas bei.
Zunächst einmal wurde die heimische Produktion angekurbelt, die Infrastruktur verbessert und ausgebaut, und auf sozialer Ebene wurde das Geld aus den Töpfen der EU in den Wohnungsbau und die Ausbildung gesteckt. Auch wenn es noch weitere zwanzig Jahre dauern sollte, bis Irland in den vollen Genuss wirtschaftlichen Wachstums kam, die Einbindung in die EU (später gefolgt vom Beitritt in die europäische Währungsunion, den Großbritannien bisher noch nicht vollzogen hat) bedeutete die entscheidende Wende für die wirtschaftlichen Verhältnisse Irlands.

Heutzutage stehen viele Iren der Politik der Europäischen Union kritisch gegenüber. Der mittlerweile ratifizierte Vertrag von Lissabon wurde bei der ersten Volksbefragung am 12. Juni 2008 abgelehnt. Erst nach massivem Druck durch die Europäische Kommission und gleichzeitige Zugeständnisse an Irland wurde der neue EU-Verfassungsvertrag im zweiten Referendum (2. Oktober 2009) vom Volk angenommen.

Der Celtic Tiger: Die Entstehung

Irland ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ein recht kleines Land mit einer geringen Bevölkerungszahl von heute knapp 4 Millionen. Bis in die 1980er-Jahre war die Auswanderung insbesondere in die USA - oft verbunden mit einer wirtschaftlichen Katastrophe (die größte davon war die Hungersnot 1845-1849 -The Great Famine-, bei der Millionen Iren ihr Leben verloren) - eine übliche Reaktion auf die schlechten Verhältnisse im eigenen Land. Irland kann keine besonderen Rohstoffvorkommen aufweisen und war somit, abgesehen von einigen industriellen Standorten gerade im Bereich der Ostküste, doch immer recht abhängig von der Landwirtschaft und England als Absatzmarkt für seine Produkte.
Im Zeitalter des Fernverkehrs wuchs dann auch langsam eine Tourismusindustrie heran. Diese war jedoch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch nicht besonders ausgeprägt: für das wirtschaftliche Überleben Irlands nach 1949 waren ausländische Investitionen in den heimischen Markt unabdingbar. Das erkannten auch die Wirtschaftsexperten der irischen Regierungen nach 1949 und bemühten sich um Irlands Einbindung in die internationalen Finanzmärkte: 1957 wurde Irland Mitglied der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds. Zudem schuf eine begünstigende Gesetzgebung im Rahmen der sogenannten Foreign Direct Investment (FDI) Strategie viele finanzielle Vorteile für ausländische Firmen, sich in Irland anzusiedeln. Doch erst die globalen Entwicklungen auf dem Technologiemarkt, und ganz besonders der Informationstechnologie (IT) sollten das kleine Irland zu einem wichtigen Standort für die Entwicklung von Computersoftware in den 1990er-Jahren machen. Hier nun gewinnt auch Irlands über Jahrhunderte entwickeltes Verhältnis zu den USA an Bedeutung: dort leben viele Iren bzw. Nachkommen irischer Einwanderer, sodass die Bindung an das wirtschaftlich stärkste Land der Welt durch eine gemeinsame Vergangenheit und einem daraus resultierenden und auch nicht zu unterschätzenden (finanziellen) Wohlwollen der USA Irland gegenüber recht stark ist. Darüber hinaus bot Irland Ende des 20. Jahrhunderts, anders als andere Länder der EU, gerade amerikanischen Firmen ein großes Potenzial hochqualifizierter, Englisch sprechender Arbeitskräfte, sodass die Verständigung keine Probleme darstellte. Zudem gab es eine niedrige Besteuerungsrate, verhältnismäßig geringe Löhne und staatliche Zuschüsse für ausländische Firmen. Mit der Ansiedlung von Softwareherstellern in Irland erlebte die Insel innerhalb kürzester Zeit einen wirtschaftlichen Aufschwung, der in seinem Umfang nur mit dem einiger ostasiatischer Länder vergleichbar ist. So wurde der dort als Asian Tiger bezeichnete Wirtschaftsboom für Irland kurzerhand in Celtic Tiger umgetauft.

Der Celtic Tiger: Folgen, Unterbrechungen und Probleme

Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich Irland dank des Celtic Tigers zu einem der reichsten Länder Europas. Mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze und anwachsenden Löhnen verringerte sich nicht nur die Arbeitslosenzahl um ein erhebliches Maß, auch das Konsumverhalten der Iren änderte sich drastisch: teure Autos oder Designerware waren ein Jahrzehnt zuvor noch für die meisten unerschwinglich gewesen, nun konnten sie sich viele Iren leisten. Innerhalb kürzester Zeit stieg somit auch die Inflationsrate während die Staatsverschuldung immer weiter zurückging. Der irischen Regierung war es nun möglich, in die Verbesserung der Infrastruktur zu investieren, denn die engen Straßen insbesondere um die Hauptstadt Dublin können den vielen Autos nicht genug Platz bieten.
Und auch das Gesicht der größeren Städte wurde modernisiert. Dies hatte zur Folge, dass die heimische Industrie gerade auf dem Bausektor einen enormen Aufschwung erlebte, nicht nur im Bereich des Straßenbaus, sondern auch bei Gebäuden und Wohnhäusern, denn der Kauf eines Eigenheims, in Irland aus historischen Gründen ganz besonders ausgeprägt, war für viele Iren nun möglich geworden. Der zunehmenden Urbanisierung gerade im Raum Dublin versucht die irische Regierung mit einer gezielten Entwicklung der ländlichen Regionen entgegenzuwirken (National Development Plan).
Durch den Aufbau der Softwareindustrie (mittlerweile verzeichnete Irland den weltweit höchsten Export, noch vor den USA) machte sich das Land jedoch abhängig vom weltwirtschaftlichen Geschehen. Der globale Abwärtstrend im Bereich der Informationstechnologie Ende der 1990er-Jahre und der daraus resultierende Börsencrash betrafen auch das Wirtschaftswachstum auf der grünen Insel. Viele Fabriken wurden geschlossen oder bauten radikal Stellen ab. Nach dem 11.September 2001 war zudem Irlands Tourismusindustrie hart von den Auswirkungen der Terroranschläge von New York betroffen. Amerikanische Touristen, Haupteinnahmequelle in der Branche, blieben aus Angst vor Langstreckenflügen weitestgehend aus.
Zudem verpasste der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche einige Monate später der Tourismusindustrie einen zusätzlichen Rückschlag und trug maßgeblich zum erheblichen Umsatzverlust bei.
Was die Softwareproduktion anging, hatte Irland aufgrund der stetig ansteigenden Löhne und Versicherungsprämien an Konkurrenzfähigkeit verloren: einige Länder Osteuropas und China boten vielen Investoren günstigere Bedingungen.
Seit der wirtschaftlichen Erholung der USA und der IT-Industrie weltweit ab 2004 befindet sich die Wirtschaft Irlands wieder im Aufwärtstrend. Nichtsdestotrotz hat die Regierung aus den Jahren der Rezession gelernt: es soll verstärkt in die heimische Industrie investiert werden. Eine weitere positive Entwicklung in den Beziehungen zwischen Nordirland und der Republik gibt es zu verzeichnen: die jahrzehntelangen Friedensverhandlungen haben nicht nur Südirland zu einem interessanten Wirtschaftsstandort für ausländische Investoren gemacht. Allmählich beginnt die gesamte Insel, vom wirtschaftlichen Aufschwung zu profitieren.
Allerdings ist Irland von der Finanzkrise seit 2008 eines der am stärksten betroffenen Länder Europas. Die geplatzte Immobilienblase hat zur Folge, dass eine Vielzahl der irischen Haushalte stark verschuldet ist.

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