Reformbewegungen

Während Künstler und Kunstkritiker sich auf verschiedenen Wegen um die Erneuerung des Kunsthandwerks bemühten, entstanden ebenso Reformbewegungen, die sich mit den Folgen der Industrialisierung und den sozialen Missständen auseinandersetzten.

Dazu gehörten z.B. die Gartenstadtbewegung, die Gesundheitsreformbewegung und andere. Nach englischem Vorbild (E. HOWARD, 1898, Entwürfe für Gartenstädte) entstand 1909 in Dresden-Hellerau die erste deutsche Gartenstadt.

Auf kunstgewerblichem Gebiet kristallisierten sich zwei antagonistische Reformauffassungen heraus, die bis heute nebeneinander existieren.

Reformbewegungen

Reformbewegungen

Stadttypus Gartenstadt

Mit sozialreformerischen Zielsetzungen konzipierte der Brite EBENEZER HOWARD 1898 den Stadttypus „garden city“ (Gartenstadt). In der Nähe übervölkerter Großstädte sollten eigenständige Siedlungen durchsetzt von Grünanlagen entstehen. Damit konnten ein übermäßiges Wachstum der Städte und die Landflucht verhindert werden. Bei einer maximalen Größe von 30 000 Einwohnern sollte die Gartenstadt Arbeitsstätten für die Bewohner enthalten und ein beträchtlicher Teil ihrer Gemarkung garten- und ackerbaulicher Nutzung zugeführt werden.

Nach dem Gartenstadtprinzip entstanden in Großbritannien nördlich von London Letchworth (1903) und Welwyn Garden City (1920), in Deutschland Hellerau (heute zu Dresden, 1907/08) von RICHARD RIEMERSCHMID.

An der Wiener Siedler- und Gartenstadtbewegung der Zwanzigerjahre beteiliggten sich ADOLF LOOS, JOSEF FRANK, FRANZ SCHUSTER und OSKAR STRAND. Später nannte man auch Vorstädte, die als reine Wohnbezirke angelegt worden waren, Gartenstadt, z.B. Karlsruhe-Rüppurr, Essen-Hüttenau.

Arts and Crafts Movement

Arts and Crafts Movement war eine englische Bewegung zur Reform des Kunsthandwerks im 19. Jahrhundert. Sie ging von WILLIAM MORRIS aus, der 1861 mit Architekten und präraffaelitischen Malern eine Gesellschaft zur Herstellung kunsthandwerklicher Gegenstände gründete, um der industriellen Massenproduktion minderwertiger Gebrauchsgegenstände entgegenzuwirken.

Unter dem Einfluss von JOHN RUSKIN und AUGUSTUS WELBY PUGIN suchte man die mittelalterliche Handwerksstruktur bei moralisch gebundener Ästhetik und sozialistischen Gemeinschaftsvorstellungen zu erneuern. Aus dieser Bewegung ging die 1888 gegründete Arts and Crafts Society hervor, die kunstgewerbliche Ausstellungen veranstaltete. Weit reichend war der Einfluss auf die Erneuerung des Kunstgewerbes um 1900 (Jugendstil bzw. Art nouveau), auf den Deutschen Werkbund und das Bauhaus.

Chicagoer Schule

Chicagoer Schule ist die Bezeichnung für eine Gruppe von Architekten, die nach dem Großbrand der Stadt (1871) in den 1880er- und 1890er-Jahren eine Reihe bemerkenswerter Gebäude errichteten und Tendenzen der modernen Architektur vorwegnahmen.

Merkmale dieser Bauten sind die konsequente Verwendung des Stahlskeletts und die Suche nach einer der neuen Konstruktionsweise, die sich der funktionalen und statischen Struktur anpasste und schlichte Gebäudeformen hervorbrachte.

Das Warenhaus Carson, Pirie & Scott (1899, 1903/04) von SULLIVAN und das Reliance Building (1890–1994, 1904) von BURNHAM und ROOT sind Höhepunkte des Schaffens der Chicagoer Schule.

Als Second School of Chicago (Zweite Chicagoer Schule) bezeichnet man die von LUDWIG MIES VAN DER ROHE beeinflusste, Stilelemente des Bauhauses aufgreifende Wiederbelebung der Chicagoer Schule in den Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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