Richard Dawkins

Zeitgeschehen

Der englische Verhaltensforscher und Evolutionsbiologe CLINTON RICHARD DAWKINS wurde 1941 in Nairobi, Kenia, geboren, wo sein Vater während des Zweiten Weltkrieges stationiert war. DAWKINS war neun Jahre alt, als seine Familie 1949 nach England zurückkehrte. 1959 begann er in Oxford mit dem Biologiestudium. Vor einigen Jahren (1952) erst war der Nachweis erbracht worden, dass die Desoxyribonucleinsäure (DNA) die Trägerin der genetischen Information ist, ein Jahr später hatten JAMES DEWEY WATSON (geb. 1928) und FRANCIS HARRY COMPTON CRICK (1916-2004) deren Doppelhelix-Struktur entdeckt. Die Molekularbiologie etablierte sich als führende Disziplin der Lebenswissenschaften.

Nach seinem Diplom (1962) beschloss RICHARD DAWKINS, bei dem niederländischen Biologen NIKOLAAS TINBERGEN (1907-1988) zu promovieren. Der spätere Nobelpreisträger (1973) war einer der ersten modernen Ethologen (Verhaltensforscher), der sein Fachgebiet als interdisziplinäre Wissenschaft verstand, in die unter anderem Erkenntnisse aus Soziologie, Psychologie und Evolutionsbiologie zusammenfließen. DAWKINS' späterer Begriff „Überlebensmaschine“ leitete sich nach eigener Aussage von TINBERGENs häufig gebrauchten Ausdrücken „behaviour machinery“ und „equipment for survival“ ab.

1967 bis 1969 arbeitete RICHARD DAWKINS als Assistenzprofessor für Biologie an der University of California in Berkeley, danach kehrte er nach England zurück. Er lehrte als Dozent für Zoologie an der Universität Oxford und unterrichtete am dortigen New College. Sein erstes, berühmtestes und provokantestes Buch „The Selfish Gene“ (Das egoistische Gen) erschien 1976 und stellte seine gleichnamige Theorie vor: Unsere Gene formen uns nicht nur, sondern sie steuern und dirigieren uns aus egoistischem Interesse. Der gut geschriebene Bestseller wurde von der Kritik überwiegend positiv aufgenommen, löste aber auch heftigen Widerspruch aus.

In „The Extended Phenotype“ (1982) erweiterte DAWKINS seine zuvor formulierten Thesen. Es folgten „The Blind Watchmaker“ (1987), „River out of Eden“ (1995), „Climbing Mount Improbable“ (1996) und „Unweaving the Rainbow“ (1998). DAWKINS' Bücher, in alle wichtigen Sprachen, so auch ins Deutsche übersetzt, beziehen eine extreme Position, zeichnen sich jedoch durch Allgemeinverständlichkeit, Anschaulichkeit und sprachliche Brillanz aus. DOUGLAS ADAMS meinte einmal: „RICHARD DAWKINS ist nicht nur der radikalste Denker der Evolutionsbiologie, sondern auch unser bester Wissenschaftsautor“.
RICHARD DAWKINS, so umstritten seine Thesen auch sein mögen, wurde vielfach durch Wissenschafts-, aber auch Literaturpreise ausgezeichnet. Der bekennende Atheist wurde 1996 zum Vizepräsidenten der British Humanist Association ernannt. Seit 1997 ist er Mitglied der Royal Society of Literature. Verheiratet ist RICHARD DAWKINS mit der ehemaligen Schauspielerin und Grafikerin LALLA WARD, die auch zwei seiner Bücher illustriert hat. Der Wissenschaftler und Autor lebt in England und hat gegenwärtig den Charles Simonyi Lehrstuhl für „Public Understanding of Science“ an der Universität Oxford inne.

Wissenschaftliche Arbeit

Bedeutung für die Evolutionsbiologie/Verhaltensforschung

Die Ideen CHARLES DARWINs (1809-1892), dargelegt in seiner Abhandlung „On the Origin of Species“ (1859), erlebten seit den 1930er Jahren eine wissenschaftliche Renaissance. Die modernisierte darwinsche Evolutionstheorie baute nach wie vor auf dem Prinzip der natürlichen Selektion (Überleben der Bestangepassten) auf, verlagerte ihr Augenmerk jedoch radikal. Nicht mehr die Art oder das Individuum, sondern das Gen, als kleinste Einheit des Lebendigen, kämpfte in den Jahrmillionen der Evolution um sein Überleben und damit um Unsterblichkeit.

Das war der Ansatz der Evolutionsbiologen WILLIAM D. HAMILTON (geb. 1936) und JOHN MAYNARD SMITH (1920-2004). Ihre 1964 bzw. 1972 veröffentlichten Theorien beeinflussten DAWKINS. Zeitgleich erhielt die (klassische) vergleichende Verhaltensforschung durch die Arbeiten von NIKOLAAS TINBERGEN und KONRAD LORENZ (1903-1989) neuen Aufschwung. Der Soziobiologe EDWARD O. WILSON (geb. 1929) untersuchte ausgehend vom Genbegriff das Kooperations- und Konkurrenzverhalten zwischen Arten und Individuen sowie ihre Strategien im Kampf um Lebensräume und Nahrung.

WILSONs 1975 veröffentlichtes Buch „Sociobiology“ entfachte Stürme der Entrüstung. Für intellektuellen Zündstoff sorgte auch RICHARD DAWKINS. In „The Selfish Gene“ wandte er nicht nur konsequent das Rüstzeug der Molekularbiologen zur Erklärung sozialer Interaktionen wie Familienplanung, den Krieg der Geschlechter und Generationen an, er erweiterte den „Kampf der Gene“ auf Fragenstellungen der Evolution und ihre innewohnende Dynamik. Die Gene lieferten für ihn die Textbausteine der Naturgeschichte, des „Flusses, der in Eden entsprang“ - eines Informationsflusses, der durch die Zeiten im Genom lebender Wesen weitergegeben wird.

Die erfolgreiche Weitergabe der Informationen und damit die Sicherung des Überlebens ist für DAWKINS gekoppelt an die Fähigkeit so genannter Replikatoren, ihre Informationen stabil, das heißt langfristig und in großer Zahl, an die nächste Generation zu übertragen. Doch der Mensch wird nicht nur durch Gene allein bestimmt. Analog zu ihnen entwarf DAWKINS das Konzept der Meme : Ideen, Schlagwörter, Einheiten kultureller Programme, die ähnlich wie die Gene als durchsetzungsstarke Replikatoren auftreten müssen, um zu überleben.

In seinem zweiten Buch „The Extended Phentoype“ (1982) bezog er die erweiterten Fähigkeiten der Individuen in seine darwinistischen Überlegungen mit ein. Derjenige Organismus, der am besten seiner Umgebung angepasst ist und sie sich zu gestalten weiß, so durch Bildung sozialer Gruppen, Arbeitsteilung, Nahrungsauswahl und Werkzeuggebrauch, erwirbt sich größere Überlebenschancen. Dies gilt für den erfindungsreichen Nestbau bei Vögeln, Staaten bildende Bienenvölker wie den Menschen mit seinen Kulturtechniken.
DAWKINS' Aussagen wirkten polarisierend und wurden vielfach missverstanden. Seine Gegner warfen ihm plakative Vereinfachung und Determinismus vor. Die Metapher vom egoistischen Gen ist bei aller Griffigkeit etwas schief: Einzelne Erbfaktoren besitzen keinen eigenen Willen und keine Moral, sie sind lediglich Abschnitte auf der DNA, die im kooperierenden Zusammenspiel bestimmte Merkmale der Organismen codieren. Gegenwärtig erweitert die Evolutionsbiologie wieder ihren Blick auf komplexere Wechselbeziehungen, denen die Natur ihre Vielfältigkeit in Formen und Funktionen verdankt.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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