Tango

Begriff

Die Herkunft der Bezeichnung „Tango“ ist ungeklärt. Erste schriftliche Belege nach 1800 belegen, dass der Begriff als Synonym für Feiern und Belustigungen der afrikanischen Sklaven in ganz Südamerika, aber auch in der Karibik (Kuba) gebraucht wurde. Auch die für den Tango charakteristischen rhythmischen Figuren sind in vielen afroamerikanischen Liedern und Tänzen auf dem gesamten Kontinent anzutreffen.

Herausbildung

Die Herausbildung des Tango begann im letzten Viertel des 19. Jh. in Buenos Aires. Er basiert auf

  • der kubanischen Habanera (Melodik) und
  • der afroargentinischen Milonga (Rhythmik und Choreografie).

Obwohl es schon kurz vor der Jahrhundertwende einen weitgehend eigenständigen Tango-Stil gab, wurde die Bezeichnung Tango noch längere Zeit als Synonym für Habanera und Milonga benutzt.

Bei der Habanera handelte es sich um ein Anfang des 19. Jh. auf Kuba entstandenes kompositorisches Genre im mäßigen bis langsamen 2/4-Metrum. Es beruhte auf einer Synthese des europäischen Kontertanzes – ein im 18. Jh. weitverbreiteter Gesellschaftstanz – mit dem afrikanischen Erbe der kubanischen Musik. Die Habenera war ein im 19. Jh. nahezu weltweit verbreitetes Genres der populären Musik, die nicht nur für den Tango zum Ausgangspunkt wurde.

Die Milonga (im afrobrasilianischen Dialekt soviel wie „fröhliche Veranstaltung“) war eine in Uruguay, Argentinien, Paraguay, Chile und Brasilien verbreitete Lied- und Tanzform, deren musikalische Struktur stark von der Habanera geprägt war. Sie gehörte zum Repertoire der Payadores genannten Volkssänger und war besonders unter der ärmeren Bevölkerung sehr populär. Die Milonga hat meist eine heitere, fröhliche Grundhaltung, wird im mittleren bis raschen Tempo zur Gitarre gesungen, wobei dem im 2/4-Takt stehenden Melodierhythmus oft eine 6/8-Takt-Gitarrenbegleitung unterlegt ist. Die Milonga hatte an der Entstehung des Tangos nicht nur einen wesentlichen Anteil, sondern galt lange Zeit als eine besondere Form desselben (Tango-milonga).

Tango-Tanzpaar

Tango-Tanzpaar

Kennzeichen

Waren die frühen Tango-Kompositionen oft dreiteilig – heute meist nur noch bei den konzertanten Formen zu finden –, so wurde schon in den 1920er-Jahren die Zweiteiligkeit (gleiche Länge von A und B) formtypisch. Harmonisch steht der B-Teil in der Regel in der Dominanttonart, bei Kompositionen in Moll im varianten Dur. Der Begleitrhythmus zeigt sich heute in zahlreichen Spielarten, notiert im 2/4-(4/8-)Takt, seltener im 4/4-Takt (Schlagertypen). Meist bevorzugt man das gleichmäßige Akzentuieren aller vier Achtel, oft mit einer zusätzlichen Betonung auf dem letzten Sechzehntel (quasi wie eine vorgezogene 1 des zweiten Taktes; Offbeat-Charakter).

Bild

Der komplexe Rhythmus des Tango basierte auf einer Choreografie, die den Frauen einen weit größeren bewegungsspezifischen Gestaltungsraum ließ und sie damit erstmals aus der Rolle der passiv übers Tanzparkett „geführten“ Eroberung emanzipierte. Die Choreografie des Tango war vor allem durch ihre Gegensätze charakterisiert, vereinte sie doch das auftrumpfende Gehabe des Machos mit der Grandezza selbstbewusster Weiblichkeit.

Auch musikalisch vereinte der Tango Kontraste in sich. Der Vierachtelrhythmus mit seinem eckigen Charakter, den vorwärtstreibenden Tonrepetitionen und dem stockenden Innehalten auf der punktierten Achtelnote steht in eigentümlichem Gegensatz zu den schmachtenden Melodien und dem wehmütigen Klang des Bandoneons.

Die frühen Tango-Ensembles bestanden aus Triobesetzungen mit

  • Violine,
  • Gitarre und
  • Flöte.

Gegen Ende des Jahrhunderts kam das aus Deutschland importierte Bandoneon hinzu, womit das klassische Tango-Orchester geboren war. Die grundlegende Besetzung der Begleitensembles ist das Orquesta tipica, besetzt mit

  • Geigen,
  • Bandoneons,
  • Flöte und
  • Gitarre (später erweitert).

Nach 1920 lassen sich im Gebiet des Río de la Plata drei Tango-Typen unterscheiden, die alle von großer internationaler Ausstrahlungskraft waren:

  • der Tango-milonga (nur instrumental, stark rhythmisch geprägt, s.o.),
  • der Tango-romanza (instrumental oder vokal, lyrischer und melodiöser als der erste Typ, mit romantischen Texten) und
  • der Tango-canción (vokal mit Begleitung, stark sentimentaler Charakter).

Entwicklung

Zu den frühen namhaften Bandleadern gehörte VICENTE GRÉCO (1888–1924) mit seinem ORQUESTA TÍPICA CRIOLLA. Einer der ersten Tangos, der auch international Durchschlagskraft bewies, war „El Chóclo“ (1905) von ANGEL GREGORIO VILLOLDO (1868–1919), genannt „El Papa del Tango criollo“.

Mit diesem und anderen „Originaltangos“ begann schon bald nach der Jahrhundertwende, ausgehend von Paris, der Siegeszug des Tangos in Europa. Hier war es vor allem der französische Tanzlehrer CAMILLE DE RHYNAL, der durch eine entsprechende Choreografie aus dem argentinischen Volkstanz einen Gesellschaftstanz schuf. 1907 veranstaltete er ein erstes erfolgreiches Tangoturnier in Nizza.

Mit dem Tango kam ein Hauch pseudoromantischer Exotik auf das Tanzparkett, und es fehlte nicht an staatlichen und kirchlichen Verboten solcher „verwilderter Tanzsitten“ und „unschicklicher Negertänze“. Dabei bezog man sich einerseits auf die Herkunft des Tango aus den Vergnügungslokalitäten und Bordellen der Hafen- und Randgebiete von Buenos Aires, andererseits auf die eng umschlungene Tanzhaltung und die z.T. obszönen Bewegungen (ein Relikt der Milonga). Dennoch war der Siegeszug des Tangos nicht mehr aufzuhalten. Bis etwa 1912 hatte er sämtliche europäischen Metropolen erobert und behielt seine Popularität zunächst bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

Neben Musik und Tanz überrollten bald andere Tango-„Moden“ das Publikum:

  • In Paris erfand man die „robe de Tango“ (die lange Damengarderobe erhielt einen langen seitlichen Schlitz, der das Bein freilegte – nicht nur modisches Attribut, sondern zugleich Notwendigkeit, um die Tanzschritte ausführen zu können); anderenorts gab es Tango-Frisuren, Tango-Schuhe, Tango-Parfüm usw.
     
  • Von London ausgehend wurde der „Tango-tea“ (Five o'clock tea) eingeführt, eine Bezeichnung für die Veranstaltungen der ersten Tanzcafés, die in Verbindung mit der Tango-Mode eröffneten.

Tango in Deutschland

Nach dem Ersten Weltkrieg erschien in Europa – vor allem in Deutschland – auch der Tango wieder, jedoch in veränderter Gestalt. Er war liedhafter, einfacher, weicher in seinem Begleitrhythmus, verhaltener und langsamer im Tempo. Man sprach (im Gegensatz zum vorwiegend instrumentalen Tango argentino vor 1914) vom Tango milonga (man beachte die abweichende Begriffsbildung!). Im Laufe der zwanziger Jahre assimilierte dieser Tangotyp Merkmale anderer Modetänze. Es entstand eine typisch deutsche Variante – das vielfach sentimentale, pseudoromantische deutsche Tangolied (auch als Tango-Serenade bezeichnet), z.B.:

  • „Ich küsse ihre Hand Madame“ (1928, RALPH ERWIN, 1896–1943),
  • „In einer kleinen Konditorei“ (1928, FRED RAYMOND, 1900–1954),
  • „O Donna Clara“ (1930, JERZY PETERSBURSKI, 1897–1979),
  • „Capri-Fischer“ (1946, GERHARD WINKLER, 1906–1977).

Auch die Choreografie wurde verändert: von 1920 bis 1922 fanden in England drei Konferenzen zur Standardisierung der Schritte statt, schließlich erklärte man 1929 die z.T. noch heute gültigen Kombinationen (unter Einbeziehung von Foxtrott- und Boston-Schritten) für verbindlich.

Der Tango argentino

Auch in seiner südamerikanischen Heimat nahm der Tango bald eine bestimmende Rolle im Musikgeschehen ein. (Seine Bezeichnung als Tango argentino ist nicht zu verwechseln mit dem in den 1920er-Jahren üblichen Gebrauch des Begriffs für eine instrumentale Variante des Tangos!) Von Bedeutung war die volkstümliche, zum Zuhören bestimmte Liedform, die bis in die Gegenwart eine typisch argentinische Erscheinung von großer inhaltlicher Spannweite geblieben ist. Spiegelten sich schon in den frühen, vielfach Dialekt gefärbten Tangoliedern die aus den krassen sozialen Unterschieden erwachsenden Konflikte wider, so spitzte sich dies im Laufe des 20. Jh. zu. Engagierte Tango-SängerInnen und Autoren mussten ihr Land verlassen, protestierten mit ihren Liedern aus der Emigration. Daneben spaltete sich eine gemäßigtere, aber dennoch lebensnahe und nicht minder gesellschaftskritische Tango-Liedform ab, deren populärster Vertreter CARLOS GARDÉL (1887–1935) wurde. Einflüsse des Jazz und der internationalen Popmusik mischten sich mit den traditionellen Elementen, verdrängten sie sogar zeitweise, so dass es in Argentinien Bestrebungen der nationalen Wiederbelebung der einfachen, unverfälschten Tangopoesie ebenso gab wie künstlerische Stilisierung in orchestraler Form, z.B. durch ASTOR PIAZZOLLA (1921–1992), der u.a. auch die E-Gitarre in sein Quintett „Tango Nuevo“ einbezog.

Tango heute

In Argentinien blieb der Tango eine dominante Kraft im Ensemble der populären Musikformen, wo er im Verlauf der siebziger Jahre als Tango rokéro eine überaus populäre Synthese mit der Rockmusik einging. Das Tango-Instrumentarium wurde dabei durch

  • E-Gitarren,
  • Synthesizer und
  • Schlagzeug

ersetzt, damit aber ein ganz traditionelles Tango-Repertoire gespielt. Ein Pionier dieser Entwicklung war der Sänger und Gitarrist LITTO NÉBBIA (* 1948), dessen Album „Hommage to Gardél and Le Péra“ (1990) weltweit zu einem Erfolg wurde.

Doch auch außerhalb Argentiniens erlebt der Tango seit den 1990er-Jahren in Form einer regelrechten Renaissance eine ganz außerordentliche Blüte. In nahezu allen westeuropäischen Großstädten – die deutschen eingeschlossen – hat die Tango-Kultur wieder Fuß gefasst, ist eine umfangreiche Tango-Szene mit Tango Klubs, eigenen Medien, eigenen Labels und einem reichhaltigen Veranstaltungsangebot entstanden. Tango-Boutiquen liefern das dazugehörige Outfit, Tango-Wettbewerbe erlauben den Anhängern dieser nicht eben einfach zu erlernenden Kunst des Tanzes, ihre Fähigkeiten zu messen.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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