Reim

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Lautreime

Die ursprüngliche Form des germanischen Reims war der Stabreim. Er ist uns heute im althochdeutschen Hildebrandslied (um 800, Audio 1) überliefert:

Ik gihôrta dhat seggen,
dhat sih urhêttun ænon muotîn,
Hiltibrant enti Hadhubrant untar heriun tuêm.

Der Stabreim ist ein Lautreim. Er beruht auf dem Anlaut der Stammsilbe, auf der der Hauptton des Wortes liegt. In der Zeile „Ik gihôrta dhat seggen,“ stabt die Vorsilbe in „gihôrta“ nicht, da Vorsilben nicht Stammsilben sein können. Es stabt gihôrta. Die Vokale können untereinander staben, die Konsonanten staben nur bei gleichem Laut. Es kommt also nicht darauf an, wie das Wort geschrieben wird, sondern wie es gesprochen wird: v kann mit f staben, k mit qu und x.
Der Stabreim tritt in Kurzversen und Langversen auf, wobei sie zwei oder drei Stäbe aufweisen können.

Der altniederdeutsch niedergeschriebene „Heliand“ ist in Stabreimen verfasst.

Der Stabreim wurde gegen Ende des 9. Jahrhunderts aus der Literatur verbannt. Stattdessen wurde der lateinische Endreim für das Deutsche erschlossen. Stabreime wurden jedoch in der Volkssprache weiter gesprochen. Sie begegnen uns in der heutigen Alltagssprache immer noch gehäuft:

  • Haus und Hof,
  • Wind und Wetter,
  • Kind und Kegel,
  • Nacht und Nebel.

In der Lyrik tritt der Stabreim als bewusste Kontrastierung auf:

Abendphantasie
FRIEDRICH HÖLDERLIN

Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt
Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.
Gastfreundlich tönt dem Wanderer im
Friedlichen Dorfe die Abendglocke.

Wohl kehren izt die Schiffer zum Hafen auch,
In fernen Städten fröhlich verrauscht des Markts
Geschäft'ger Lärm; in stiller Laube
Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.

Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen
Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh' und Ruh'
Ist alles freudig; warum schläft denn
Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich
Purpurne Wolken! und möge droben

In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Leid! –
Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht
Der Zauber; dunkel wirds und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich –

Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt
Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,
Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann das Alter.

(In: Hölderlin, Friedrich: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Herausgegeben von Friedrich Beissner, Stuttgart: Cotta, 1946, S. 297-298).

Die Alliteration ist eine Sonderform des Stabreimes. Sie ist Reimform, bei der im Anlaut zwei oder mehrere Wörter übereinstimmen.

... brach Balken, Bogen und Bande; bei Wind und Wetter.
Ein hart Geschick den Helden traf; Mann und Maus, Kind und Kegel

Die Alliteration wird manchmal auch synonym zum Begriff Stabreim gebraucht.

Das quasi Gegenteil der Alliteration ist die Assonanz, die als Gleichklang nur der Vokale in zwei oder mehreren Wörtern (vokalischer Halbreim), vom letzten Akzent an definiert ist.

Unterpfand – wunderbar;
handvoll – Antwort.

Silben- bzw. Wortreim

Silbenreime und Wortreime benötigen mehr als nur einen bzw. zwei Buchstaben zum Reimen. Zu dieser Gruppe von Reimen gehören:

  • Schlagreim,
  • Anfangsreim,
  • Binnenreim,
  • Endreim.

Schlagreim ist ein Reim zweier im einzelnen Vers unmittelbar aufeinander folgender Wörter.

Quellende, schwellende Nacht

Der Anfangsreim ist ein Reim der ersten Wörter zweier aufeinander folgender Verse:

Krieg! Ist das Losungswort.
Sieg! Und so klingt es fort.

Beim Binnenreim reimt das Versende mit einem Wort des Versinnern:

Bei stiller Nacht zur ersten Wacht

Endreime

Im 9. Jahrhundert erlangt im Zuge der Christianisierung Mitteleuropas das Lateinische auf die deutsche Sprache größeren Einfluss. Deutlich wird dies bereits im mittelhochdeutschen (um 1200) Nibelungenlied. Hier ist ein Endreim zu konstatieren mit dem Reimschema ababcdcd.

Uns ist in alten mæren / wvnders vil geseit
von helden lobebæren / von grozer arebeit
von frevden hochgeciten / von weinen unde von klagen
von kvner recken striten / mvget ir nv wvnder horen sagen

Je nachdem, wie sich die Wörter am Ende der Zeile reimen, unterscheidet man

  • reine (genauer Gleichklang in Vokal und Schlusskonsonant vom letzten Vokal an) und
  • unreine Reime (ungenauer oder unvollständiger Gleichklang entweder der Vokale oder Schlusskonsonanten).
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Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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