Realismus

In einem offenen Brief von 1861 schrieb er:

„Ich halte dafür, dass die Malerei ihrem Wesen nach eine konkrete Kunst ist und einzig in der Darstellung der wirklichen und vorhandenen Dinge bestehen kann. Sie ist eine ganz und gar körperliche Sprache, die sich anstelle von Worten aus allen sichtbaren Dingen zusammensetzt; ein abstraktes, nicht sichtbares, nicht vorhandenes Ding hat im Bereich der Malerei nichts zu suchen.“

Das ist eine Absage an Klassizismus und Romantik, auch an die Historienmalerei. Es ist eine Verpflichtung zur Wiedergabe allein des Wirklichen – auf welche Weise immer.

Kennzeichen des Realismus

Der Realismus entwickelte sich zwischen 1850 und 1900 fast überall in Europa und Nordamerika. Künstler des Realismus wollten die Wirklichkeit nicht nach vorformulierten Idealen und Gestaltungsregeln überhöhen oder vervollkommnen, sondern die sichtbare Wirklichkeit ungeschönt darstellen, selbst von ihren gewöhnlichen und hässlichen Seiten.

Statt erfundener Ideallandschaften oder historischer Szenen zeigten die Maler wie

  • THÉODORE ROUSSEAU,
  • CAMILLE COROT,
  • KARL BLECHEN und
  • CARL SPITZWEG

die heimische Natur oder beschauliche Momente aus dem Alltagsleben.

Der Realismus war kein einheitlicher Stil. Besonderes Kennzeichen des Realismus ist die fortschrittliche Form, die nicht zwingend Detailgenauigkeit fordert, sondern oft eine Verknappung oder sogar Konstruktion von Wirklichkeit zum Ziel hat, um die Wahrnehmung von Realität zu vertiefen und eine unsichtbare Wirklichkeit zu enthüllen.

Künstler des Realismus

Als GUSTAVE COURBET (1819–1877) im Salon von 1850/51 seine „Steinklopfer “, 1849, ausstellte, traf er auf den erbitterten Widerstand der Kunstkritik. Man stieß sich am Thema und an der Malweise. Das Bild beschreibt das Elend dieser Straßenarbeiter und glorifiziert es nicht als opferbereiten Heroismus. Das geschieht mit Mitteln ohne allen Glanz. Entsprechend wurde das Gemälde von der Kritik herabgewürdigt: es sei hässlich und hässlich gemalt.

Erst ein halbes Jahrhundert später wurde die politische Intention gesehen und ausgesprochen:

„Die ‚Steinklopfer' betraten das Feld der Kunst in der Art von Aufwieglern; die Steine, die sie auf der Straße klopften, verwandelten sich in Pflastersteine, die Fensterscheiben zerschlugen. Man glaubte, das ganz gemeine und schwielige Volk losstürzen zu sehen und mit revolutionären Mitteln sein Recht auf Kunst zu fordern, wie es vorher das Recht auf Leben auf den Barrikaden erkämpft hat.“
(RICHARD MUTHER, 1906).

EDOUARD MANET (1832–1883) gilt als Wegbereiter des Impressionismus. Er pflegte zwar Gedankenaustausch mit EDGAR DEGAS, CLAUDE MONET und AUGUSTE RENOIR, aber er beteiligte sich an keiner der Aktivitäten der Gruppe der Impressionisten. Seine gelöste Malweise, die helle Palette, die leuchtenden Farben und die Wahl großstädtischer Themen machten ihn zu einem der ersten Maler des modernen Lebens. Nicht wenige seiner Bilder fußen auf gründlichen Studien der alten Meister in den Museen, besonders von TIZIAN, VELAZQUEZ und GOYA.

Aus deren Werken übernahmen einige seiner Bilder das kompositionelle Grundgerüst.

So interpretierte und aktualisierte seine „Olympia“ von 1863, die zum Skandalbild des Salons von 1865 wurde, ein Gemälde von TIZIAN („Die Venus von Urbino“, 1538).

MANETs Bild stellt eine unbekleidete Kokotte auf ihrer Lagerstatt in Erwartung ihres Galans dar. Aber nicht nur das unwillkommene Thema erregte das Publikum, sondern auch die offene, teilweise skizzenhafte Malweise.

Eine besondere Spielart wirklichkeitsbezogener Kunst stellen die Bilder des deutschen Malers ADOLPH VON MENZEL (1815–1905) dar.

Er war ein unermüdlich zeichnender Beobachter, dem schon in den 1840er-Jahren Werke gelangen, die auf den französischen Impressionismus vorauswiesen.

In seinem „Eisenwalzwerk“ (1872–1875) stellt er die schwere Arbeit in einer Eisenhütte dar. Bevor er Einzelstudien zu diesem Bild machte, erarbeitete er sich in groben Skizzen eine Vorstellung von den Arbeitsvorgängen. Er sah genau hin, sah auch die Zusammenhänge, sah die Ausbeutung der Arbeiter, sah darin aber auch ein heroisches Bild zeitgenössischer Giganten am Werk. Darum wollte er ursprünglich einen anderen Bildtitel: „Moderne Cyklopen“.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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